Grenzüberschreitende Arbeit von Corona geprägt
Von Anfang März bis Mitte Mai mussten die 14.000 Moselaner alle 72 Stunden einen Covid19-PCR-Test machen, um weiterhin im Saarland arbeiten zu dürfen.

Diese Maßnahme, die nirgendwo anders in Europa in dieser Form existiert, dürfte den Rückgang der grenzüberschreitenden Arbeit beschleunigen, die im Saar-Mosel-Gebiet in den letzten zwanzig Jahren bereits um ein Viertel zurückgegangen ist. Das Saarland bleibt jedoch das Hauptbeschäftigungsgebiet im ehemaligen lothringischen Kohlebecken, und in bestimmten Sektoren sind die Arbeitskräfte von der Mosel weiterhin unverzichtbar.
Im Grenzgebiet Saar-Mosel könnte der Frühling 2021 noch schmerzhaftere Erinnerungen hinterlassen als der Frühling 2020. Die Mosel-Grenzgänger, die ohnehin schon durch die Beinahe-Schließung der Grenzen und die ablehnende Haltung einiger Saarländer traumatisiert waren, müssen dieses Jahr zusätzlich alle 72 Stunden einen negativen PCR-Test vorlegen. Statt der absurden Umwege, um die wenigen offenen Grenzübergänge zu erreichen, bilden sich nun vor den Testzentren Menschenschlangen, deren Abstriche von mehr oder weniger geschicktem und von frisch geschultem Personal in Ganzkörperanzügen gemacht werden.
Strenge Beschränkungen

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"Es war sicherlich gut, die Grenzen nicht zu schließen, aber die sehr aufdringlichen Zwänge der PCR-Tests wurden als Demütigung empfunden", stellt Frédéric Berner, Generaldirektor der französischen Industrie- und Handelskammer in Deutschland, fest.
Die Kammer mit ihren 40 Mitarbeitern, von denen zwei Drittel Grenzarbeiter sind, setzt verstärkt auf die Arbeit im Homeoffice, um ihre Mitarbeiter zu schonen. Die überwiegende Mehrheit der fünfzehn französischen Unternehmen, die an diesem Standort Räumlichkeiten mieten, hat dies auch getan. Der Eurodistrikt Saar-Mosel und die saarländischen Arbeitgeber haben schnell reagiert und bieten eine ausreichende Anzahl von Tests an.
Diskrete Unterstützung
An den Grenzen wirkten die Kontrollen manchmal eher wie eine Schau als wie eine auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierte Maßnahme. Das Gebiet gab sich fast schon fatalistisch diesem Zwang hin und doch wurden die Einschränkungen als ungerecht und absurd empfungen, da Indizidenz unter den Grenzarbeitern stets sehr gering blieb.

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"Wir hätten uns gewünscht, dass die Bürgermeister auf beiden Seiten der Grenze hinter uns stehen, aber wir haben wenig Unterstützung bekommen. Wir fühlten uns hilflos, einer Entscheidung von oben unterworfen, ohne überhaupt zu wissen, wem wir die Schuld geben können", bedauert Bernard Hurreau, Delegierter des Verteidigungskomitees der Mosel-Grenzarbeiter für das Kohlebecken.
Backtracking
Die Episode könnte den ohnehin schon historischen Rückgang der Zahl der Grenzgänger in der Saar-Mosel-Region von 2020 noch weiter beschleunigen. Nach den Statistiken des IBA-OIE-Observatoriums ist sie in einem Jahr um 9,1 % gesunken. Umstrukturierungen in der Schwerindustrie und Arbeitsplatzabbau in der saarländischen Stahlindustrie haben zum Verlust von 706 grenzüberschreitenden Arbeitsplätzen geführt. Im Dienstleistungs- und Zeitarbeitssektor beläuft sich der Rückgang auf 323 Arbeitsplätze, die zuvor von Moselanern besetzt waren.
Besonders betroffen von der Gesundheitskrise sind die Beschäftigten im Handel und in der Gastronomie sowie Reinigungspersonal, da die saarländischen Büros weniger genutzt werden. Die prekärsten Grenzgänger, einschließlich derjenigen mit "Minijobs", die weniger als 500 Euro pro Monat verdienen, haben am stärksten während dieser Zeit gelitten, denn ihre Verträge bieten oft keinen Schutz im Falle von Arbeitslosigkeit.
Chancenverlust
Die sukzessiven Beschränkungen und dann die obligatorische PCR-Testphase haben auch einige Ausbildungsprogramme verlangsamt.

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"Praktika lagen während dieser Zeit auf beiden Seiten der Grenze auf Eis. Es war sehr schwierig, an ein Praktikum zu kommen, selbst als die Ausbildung wieder in Präsenz stattfand. Für die betroffenen Jugendlichen ist das ein echter Chancenverlust", bedauert Nicolas Henrion, Partner-Relations-Manager an der "École de la deuxième chance E2C Lorraine" in Forbach.
Industrien sind am Schwächeln
Doch schon deutlich vor Pandemiebeginn ging die Zahl der Grenzgänger im Saarland unaufhaltsam zurück, sie sank von 23.700 im Jahr 2000 auf 14.800 zwanzig Jahre später. Das Phänomen lässt sich zum einen mit den abnehmenden Deutsch-Sprachkenntnissen der Jugendlichen aus der Mosel-Region und zum anderen mit den immer höher werdenden Qualifikationsanforderungen auf beiden Seiten der Grenze erklären.
Der Rückgang ist auch auf die schwächelnde Wirtschaft der saarländischen Schwerindustrie zurückzuführen, die früher eine wichtige Quelle für grenzüberschreitende Beschäftigung war. Die Schwerindustrie, die unter anderem durch die Schließung der Gusswerke bei Saarbrücken mit 1.500 Beschäftigten im Jahr 2020 und durch den Wegfall von rund 1000 Arbeitsplätzen in den Stahlwerken Saarstahl und Dillinger Hütte geprägt ist, wird immer weniger Arbeitskräfte benötigen, egal aus welchem Land sie kommen.
Die saarländische Automobilindustrie befindet sich in einer großen Umstrukturierung, die unter anderem bei Ford in Saarlouis zum Abbau von 1.600 Arbeitsplätzen geführt hat.

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Belastbare Kooperationen
Dennoch braucht das Saarland die Grenzgänger für die persönlichen Dienstleistungen, den Handel, das Gastgewerbe, das Gesundheits- und Sozialwesen. Darüber hinaus entwickelt der Staat Exzellenzbereiche, insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz, die junge Moselaner anziehen dürften.

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"Die Realität des Lebensumfeldes bleibt bestehen: für die Bewohner der Ostmosel ist Deutschland nach wie vor das nächstgelegene Beschäftigungsgebiet. Die Gesundheitskrise hat trotz ihrer Kollateralschäden die Zusammenarbeit der beiden Grenzseiten in Hinsicht auf die Qualifizierung von Arbeitskräften nicht in Frage gestellt", versichert Jürgen Becker, Leiter der Agentur Sarreguemines Pôle emploi und Koordinator der grenzüberschreitenden Arbeitsvermittlung im Rahmen des Programms der Region Eurest-Grande.
3.000 neue Arbeitsplätze an der Grenze
Die Berufsausbildungen in Branchen, die händeringend nach Arbeitern suchen, betreffen zunächst hauptsächlich die Logistik und den Transport von Personen und Gütern. Nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt ist außerdem die Niederlassung mehrerer Großbetriebe geplant, die ebenfalls Personal einstellen könnten. Das chinesische Unternehmen Svolt plant zwei Elektrobatterie-Fabriken in Überherrn und Heusweiler, die 2.000 Arbeitsplätze schaffen sollen. In der Nähe von Saarlouis hat der Küchenhersteller Nobilia versprochen, innerhalb von drei Jahren 1.000 Arbeitsplätze zu schaffen. Diese insgesamt 3.000 Arbeitsplätze könnten der grenzüberschreitenden Beschäftigung neuen Schwung verleihen.
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