Frankreich-Deutschland

Anne Tallineau, Generalsekretärin

"Wir sind so hilfreich wie möglich"

Anne Tallineau hat den größten Teil ihrer Karriere dem deutsch-französischen Kulturaustausch gewidmet.

Anne Tallineau

Im Januar 2020 wurde sie an der Seite ihres deutschen Amtskollegen Tobias Bütow zur Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks ernannt und wirbt für den Deutsch-Französischen Bürgerfonds, der seit April letzten Jahres ein neues Instrument der deutsch-französischen Zusammenarbeit ist.

Kündigte den Start des Deutsch-Französischen Bürgerfonds am 16. April 2020 an. Warum haben Sie dieses Datum gewählt, mitten in einer Periode der Enge sowohl für Frankreich als auch für Deutschland?

 Der Bürgerfonds war eines der Projekte des im Jahr 2019 unterzeichneten Aachener Vertrags. Der Start war ursprünglich für Anfang April 2020 geplant. Angesichts der Krise haben wir zunächst überlegt, den Start zu verschieben, uns dann aber für diesen Termin entschieden. Während dieser Zeit der Eingrenzung hielten wir es für sinnvoll, neue Formate für Treffen und Austausch zu erfinden. Ob Online-Dinner oder Austausch, wir haben uns zunächst auf digitale Projekte konzentriert.

In weniger als zwei Wochen haben wir bereits etwa fünfzig Kontakte gehabt. Die ersten Projekte finden im Rahmen von Städtepartnerschaften statt: Unsere Kontakte suchen Partner für Kooperationen in den Bereichen Musik, Fotografie oder Kampfsport, um Frauen im Kampf gegen Gewalt zu unterstützen.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Fonds?

Als der Fonds konzipiert wurde, sollte er zwei Hauptzielen dienen: die Erneuerung der Städtepartnerschaften, die ihre Vitalität und Nützlichkeit auch in der heutigen Gesundheitskrise bewiesen haben, und die Einbindung eines Randes der Zivilgesellschaft und neuer Akteure in die deutsch-französischen Beziehungen. Über die Partnerschaften hinaus wollten wir ein breites Spektrum von Akteuren ansprechen, wie z.B. die der Sozialwirtschaft und Stiftungen. Wir wollten auch eine breite Palette von Themen abdecken, einschließlich Kultur, Sport und Staatsbürgerschaft.

Natürlich wirft die aktuelle Krise Fragen auf: Wie können wir Europa aufbauen, wenn die Grenzen geschlossen sind? Es liegt an uns, neue, innovative und moderne Formate zu erfinden. Wir müssen Modi der digitalen Interaktion entwickeln, um auf die kommende große Wirtschaftskrise und auf die Prioritäten des Tages danach zu reagieren: Solidarität zwischen den Generationen, Beschäftigung, nachhaltige Entwicklung usw. Der Bürgerfonds kann dazu beitragen.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die anderen Aktivitäten?

Eine unserer Hauptaufgaben ist die Förderung der Jugendmobilität. Seit seiner Gründung im Jahr 1963 hat das DFJW mehr als 9 Millionen jungen Menschen aus Frankreich und Deutschland die Teilnahme an 360.000 Austauschprogrammen ermöglicht. Wir hoffen, 10 Millionen Mobilitäten im Jahr 2023 zu erreichen, wenn wir das 60-jährige Bestehen des DFJW feiern werden. Unsere Ziele für 2020 sind offensichtlich in Frage gestellt, da alle physischen Begegnungen ausgesetzt wurden. Zu Beginn des nächsten Schuljahres werden wir nicht wieder in der Situation sein, die wir im vergangenen März verlassen haben. Auch hier werden wir die digitale Entwicklung berücksichtigen müssen, um uns bei der Erfüllung unserer Aufgaben zu erneuern.

Der Kultursektor ist von der Krise besonders betroffen. Kann das DFJW helfen, seine Schwierigkeiten zu lindern?

Unsere Ressourcen stehen sicherlich nicht in einem angemessenen Verhältnis zu den Anforderungen, die vor uns liegen, da der Kultursektor von der Gesundheitskrise hart getroffen wurde. Aber wir sind so hilfreich wie möglich, indem wir zum Beispiel keine Rückerstattung für gestrichene Projekte verlangen.

Wir werden einen Projektaufruf für kleine, einfach zu realisierende Projekte starten, insbesondere durch digitale Entwicklungen. Der Bürgerfonds kann auch bestimmte kulturelle Projekte unterstützen.  Wir sind sehr besorgt über die Absage einiger unserer Vorzeigeprojekte, wie z.B. das Perspectives-Festival oder den im Rahmen der Kritikerwoche des Filmfestivals von Cannes geplanten Workshop zur Bilderziehung. Andere Veranstaltungen werden weiterhin ihre Daseinsberechtigung haben, wie z. B. ein deutsch-französisches Treffen zu kulturellen Praktiken, das wir in Partnerschaft mit dem Maison de la Rhénanie-Palatinat in Dijon organisieren, oder der für Mai 2021 in Bordeaux geplante Kongress der Kunstvereine.

Kultur ist ein wesentliches Bindeglied zwischen jungen Menschen und gehört zur Daseinsberechtigung des DFJW.

In den Grenzgebieten scheint Covid-19 die deutsch-französische Freundschaft beeinträchtigt zu haben, sowohl wegen der Schließung der Grenzen als auch wegen der Ablehnungsreaktionen, die sie hervorgerufen hat. Sind Sie besorgt über diese Rückschläge?

Die Schließung der Grenzen war für alle ein Rückschlag. Am stärksten ist sie in den Grenzregionen zu spüren, wo das Thema nach wie vor sensibel ist. Individuelle Reaktionen, die sich verstärken, wenn sich Menschen bedroht fühlen, sind universell. Aber wir dürfen die Stimmen nicht vergessen, die sich erhoben haben, um zur Solidarität aufzurufen. Die Grenzen werden sich wieder öffnen und diese Regionen werden ein besonderes Engagement brauchen, um Verbindungen zu pflegen und Klischees abzubauen. Was passiert ist, ist ein Grund mehr, zu kooperieren. Wenn es eine weitere Epidemie gibt, muss sie anders gehandhabt werden.

Interview von Pascale Braun - April 28, 2020

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