Elsass - Baden Württemberg

Arbeiten im Nachbarland? – Azubi-BacPro soll Berührungsängste abbauen

Seit 2014 können Auszubildende aus Baden Württemberg und Schüler*innen aus dem Elsass im Rahmen des Projektes Azubi-BacPro eine deutsch-französische Ausbildung absolvieren, deren Abschluss auf beiden Seiten des Rheins anerkannt wird. Insgesamt neun Schultandems aus den Bereichen Gastronomie, Technik und Handel bieten das Programm an. Das Tandem Berufliche Schulen Kehl - Lycée CFA Émile-Mathis Strasbourg gibt einen Einblick in die praktische Umsetzung.

azubi

Entlang der 180 Kilometer langen Grenze zwischen der französischen Region Grand Est und Baden-Württemberg fallen in Hinblick auf die Arbeitsmärkte erhebliche Unterschiede auf. Während in Baden-Württemberg viele Unternehmen und Institutionen seit Jahren händeringend nach Arbeitskräften suchen, finden im Grand Est viele Jugendliche nach der Schule keine Arbeit. Dem französischen Institut für Wirtschaftsstatistik INSEE zufolge liegt die Arbeitslosenquote im Jahr 2021 in dem Grand Est bei 7,7 % - rund doppelt so hoch wie in Baden-Württemberg, wo sie 4 % beträgt und bei Jugendlichen sogar nur 3 %, wie die Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit mitteilte.

Berufliche Schulen Kehl

Berufliche Schulen Kehl © Annalina Ebert

Diese Tendenzen, die im Jahr 2013 besonders stark waren, waren unter anderem der Auslöser für die Idee, ein Pilotprojekt zur Stärkung der grenzüberschreitenden Mobilität von Auszubildenden und Schüler*innen zwischen Baden-Württemberg und dem Elsass zu schaffen. So rief 2014 die Akademie der beruflichen Bildung (ABB) das Projekt „Azubi-BacPro“ in Leben, das sich aus der deutschen Kurzform für „Auszubildende“ und der französischen Abkürzung für berufliches Abitur, „Baccalauréat Professionnel“, zusammensetzt.

Das Projekt dient als Austauschprogramm, bei welchem baden-württembergische Auszubildende und französische Schüler*innen Berufserfahrungen im Nachbarland sammeln können und ihnen der erste Kontakt mit der oft sehr fremden Kultur erleichtert wird. 

Christiane Spies, Studiendirektorin des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg, erklärt:

 „Es geht darum, die deutsch-französische Zusammenarbeit im Bereich der beruflichen Bildung weiterzuentwickeln. Eine unserer Zielsetzungen ist, dass jeder zweite deutsche und jeder zweite französische Schüler einer weiterführenden Schule zumindest einmal das jeweils andere Land besucht hat.“

Die Absolvent*innen erhalten am Ende des Programms ein Zertifikat, das Sprach-, Fach- und interkulturelle Kompetenzen bescheinigt und sowohl in Deutschland als auch in Frankreich anerkannt wird. Mittlerweile gibt es neun deutsch-französische Schultandems.

Berufliche Schulen Kehl

Interkulturelle Kompetenzen auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg © Berufliche Schulen Kehl

Und wie funktioniert das Ganze in der Praxis?

Ein Tandem im Bereich Einzelhandel bilden die Beruflichen Schulen Kehl gemeinsam mit dem Lycée CFA Émile-Mathis in Straßburg seit 2016. Die Partnerschulen haben gemeinsame Module wie „Interkulturelle Kompetenzen“ ausgearbeitet, welche auf beiden Seiten des Rheins unterrichtet werden und anschließend an drei Tagen pro Jahr bei gemeinsamen Treffen in der Praxis getestet werden. Zum Beispiel spazieren die Partnerklassen durch Kehl und vergleichen den Aufbau, die Dekoration und die Anordnung der Geschäfte mit französischen Geschäften oder sie treffen sich auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg und analysieren die Verkaufsstrategien der Stände.

Neben dem interkulturellen Training und dem Fremdsprachenunterricht ist auch das obligatorische Praktikum von zwei bis acht Wochen im Nachbarland ein wichtiger Bestandteil des Projekts Azubi-BacPro. Hier sehen sich die Auszubildenden bzw. Schüler*innen oft zum ersten Mal direkt mit dem Berufsleben im Ausland konfrontiert.

Annie Porret

Annie Porret © privat

„Wenn die Schüler und Schülerinnen bei uns anfangen, sind sie 14 oder 15 Jahre alt. Oft haben sie ein wenig Angst, auf die andere Kultur zuzugehen und im Ausland zu arbeiten. Das Praktikum in Deutschland beruhigt sie, denn sie sehen, dass es doch gar nicht so kompliziert ist.“ (Annie Porret, Deutschlehrerin am Lycée CFA Émile-Mathis)

Betz-Vigneron

Carmen Betz-Vigneron ©Annalina Ebert

„Das Ziel ist es, dass dieser Schritt über die Grenze nicht mehr mit so viel Angst verbunden ist, dass die Schüler und Schülerinnen Leute und Betriebe kennenlernen und merken, dass es ja gar nicht so schlimm ist. Man kann das auch recht niederschwellig beginnen. Aber wir merken, dass diese Angst schon sehr tief sitzt.“ (Carmen Betz-Vigneron, Französischlehrerin an den Beruflichen Schulen Kehl)

Zwei unterschiedliche Ausbildungssysteme

So wichtig das Praktikum im Nachbarland für die Ausbildung de Schüler ist, so schwierig ist es auch zu organisieren. Das liegt vor allem an den unterschiedlichen Systemen, die in Deutschland und Frankreich herrschen. Während Auszubildende in Deutschland fest in einem Betrieb mithelfen und eineinhalb Tage pro Woche Unterricht erhalten, haben die Schüler in Frankreich eine theoretische Ausbildung, die durch 22 Wochen Praktikumszeit ergänzt wird.

„Die Systeme sind schwer zu vergleichen. Die duale Ausbildung in Deutschland ist um einiges praktischer als das Bac Pro. Die deutschen Schüler arbeiten viel mehr im Betrieb. Selbst wenn ein französischer Schüler schon drei oder vier Wochen Praktikum hinter sich hat, ist er nicht so einsatzfähig wie jemand, der seit 2 Jahren die Ausbildung macht.“ (Carmen Betz-Vigneron)

Viele deutsche Betriebe wollen ihre eigenen Auszubildenden nicht für mehrere Wochen entbehren und sind skeptisch den französischen Schüler*innen gegenüber. Ein Problem, dem versucht wird, mit Überzeugungsarbeit entgegenzuwirken.

Ängste und Probleme verschwinden nicht von heute auf morgen

Während an den Beruflichen Schulen Kehl aus praktischen Gründen eine ganze Klasse am Azubi-BacPro Programm teilnimmt, melden sich die französischen Schüler*innen einzeln an. An beiden Schulen finden sich in den Austauschklassen zwischen 10 und 25 Schüler. Zu der Frage, wie viele von den Absolvent*innen nach der Ausbildung tatsächlich im Nachbarland eine Arbeit beginnen, werden keine Daten von den Schulen erhoben. Ist das alles also nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

„Wir hatten keine Zielsetzung mit einem geplanten Wachstum, sondern hofften, pro Jahr ein bis zwei weitere Schulen dazu zu gewinnen, was in etwa geklappt hat.“ (Christiane Spies)

 „Es gibt viele psychologische Hürden, die wir überwinden müssen. Aber Schritt für Schritt kommen wir dem näher. Wir werden allerdings niemals 30 Schüler motivieren können. Und wenn wir tatsächlich 30 Schüler hätten, dann frage ich mich, ob wir immer noch so gut arbeiten könnten.“ (Annie Porret)

Das Projekt wächst, wenn auch sehr langsam. 2017 wurden ersten Azubi-BacPro-Zertifikate an 63 deutsche und französischen Absolvent*innen verliehen, im Jahr 2018 waren es 159 Schüler*innen und Auszubildende. Im Schuljahr 2018/19 waren 234 Personen für das Programm angemeldet.

Mit diesen Zahlen wird das Programm zwar nicht den deutsch-französischen Arbeitsmarkt umkrempeln, doch das Projekt setzt ein wichtiges Zeichen: Es ist ein Türöffner für alle Berufseinsteiger, die offen sind, sich mit dem Nachbarland auseinanderzusetzen. 

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