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„Ein Prozess – Vier Sprachen“: Eine Ausstellung über die Stimmen der Nürnberger Prozesse

Zum 75. Jahrestag der Verurteilung der Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes widmet sich die Ausstellung „Ein Prozess – Vier Sprachen“ in Straßburg den Nürnberger Prozessen und einem bisher eher selten beleuchteten Aspekt: seinen Dolmetschern. Die Ausstellung soll den Menschen, die im kollektiven Bewusstsein stets unsichtbar blieben, ein Gesicht geben, denn sie sind es, die das Fundament für den Beruf des Simultandolmetschers gelegt haben.

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August 1945. Die Alliierten errichten einen Internationalen Militärgerichtshof, um die führenden Vertreter des nationalsozialistischen Regimes für ihre Kriegsverbrechen und für den Mord an rund 6 Millionen Juden zur Rechenschaft zu ziehen. 24 Menschen sitzen auf der Anklagebank im Justizpalast in Nürnberg, die meisten von ihnen werden schuldig gesprochen, doch bis zur Urteilsverkündung gibt es zunächst einen 216-tägigen Verhandlungsmarathon.

Während die Inhalte der Prozesse präzise dokumentiert wurden, fallen die Fragen nach der praktischen Umsetzung oft hinten runter: Wie ist es den Alliierten gelungen, dass sich bei dieser Mammutverhandlung die Angeklagten, Richter, Verteidiger, Kläger und Zuschauer, die jeder eine andere Sprache sprachen, verständigen konnten? Wer waren diese Menschen, die von heute auf morgen rekrutiert wurden, um alles Gesagte ins Russische, Englische, Französische und Deutsche zu übertragen? Und welche Folgen hatte das Dolmetschen dieses psychologisch belastenden Themas auf diese Menschen?

Hier setzt die Ausstellung „Ein Prozess- Vier Sprachen“ des Internationalen Konferenzdolmetscherverbands aiic an. Auf 30 Säulen in vier Sprachen werden die Biografien der rund 100 Dolmetscher*innen dargestellt, ihre Arbeitsweise und die Bedingungen, unter denen sie Höchstleistungen vollbrachten. Die Stadt Straßburg als Ausstellungsort spielt dabei eine ganz besondere Rolle, wie Hans-Werner Mühle, Dolmetscher und Organisator der Ausstellung, erklärt.

Hans Werner Mühle, ehemaliger Präsident von AIIC France

Hans Werner Mühle, ehemaliger Präsident von AIIC France

„Es war mir wichtig, die Ausstellung auch in Straßburg zu zeigen. Nicht nur, weil Straßburg mit dem Europarat, dem Parlament und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte natürlich ein Symbol für Europa und für die deutsch-französische Freundschaft ist, sondern auch, weil einige der Dolmetscher hier gelebt haben.“

Die Sturzgeburt des Simultandolmetschens

Im Nürnberger Saal 600 standen vier Dolmetsch-Kabinen, die auch „Aquarien“ genannt wurden, denn es waren einfache Glaskabinen ohne jegliche Schallabdichtung. In jeder Kabine saßen drei Leute, die von einer Fremdsprache in ihre Muttersprache dolmetschten. Insgesamt bestand ein Team also aus 12 Dolmetscher*innen, um alle Sprachkombinationen abzudecken. Von diesen 12er-Teams waren stets drei im Einsatz, um sich abzuwechseln, denn die Arbeit war nicht nur extrem anstrengend, die meisten von ihnen hatten auch zuvor noch nie simultan gedolmetscht.

„Die Leute sind komplett ins kalte Wasser geworfen worden. Vor den Prozessen wurde nämlich nur konsekutiv gedolmetscht, das heißt, während ein Redner seine Rede hält, macht der Dolmetscher Notizen und hält danach eine neue Rede in der anderen Sprache. Aber für einen tagelangen Prozess mit vier Sprachen ging das nicht. Also wurde das Simultandolmetschen erfunden, auch wenn damals noch die Meinung herrschte, dass gleichzeitig hören und sprechen unmöglich ist. Das war also wirklich learning-by-doing.“ (Hans-Werner Mühle)

Mit den Nürnberger Prozessen stellte man die Vorteile des zeitsparenden Simultandolmetschens fest, sodass sich diese Technik anschließend wie ein Lauffeuer in allen mehrsprachigen Institutionen verbreitete.

Eine Arbeit, die Spuren hinterlässt

Doch diese Dolmetscher*innen der Nürnberger Prozesse mussten nicht nur innerhalb kürzester Zeit einen neuen Berufszweig erlernen, sie waren auch einer großen psychischen Belastung ausgesetzt. Viele von ihnen hatten eine jüdische Herkunft und waren zuvor selbst Opfer der Nazis gewesen. Nun mussten saßen sie den Verantwortlichen der Gräueltaten plötzlich direkt gegenüber und mussten ihnen sogar noch ihre Stimme leihen.

„Es muss schwierig gewesen sein, die Mörder ihrer Familien und ihres Volks zu sehen, sich ihre Ausreden, Entschuldigungen und Verharmlosungen anzuhören und das dann auszusprechen. Für das Dolmetschen muss man sich ja in den Redner hineinversetzen. Wenn ich mir das vorstelle, dann läuft es mir heute noch kalt den Rücken runter.“ (Hans-Werner Mühle)

Ausstellung „Ein Prozess – vier Sprachen“

Wann: 22.11. – 16.12.2021
Wo: Palais Universitaire Strasbourg
Eintritt frei

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