Scheibenhard und Scheibenhardt, die zwei deutsch-französischsten Dörfer?
Eine wenige Meter lange Brücke verbindet Scheibenhard in Frankreich mit Scheibenhardt in Deutschland. Beide Gemeinden teilen eine bewegte Geschichte, haben jedoch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihren deutsch-französischen Geist wiedergefunden.

Die Grenze zwischen Petite-Rosselle und Großrosseln ist bereits faszinierend. Doch Scheibenhard (Bas-Rhin, 900 Einwohner) und Scheibenhardt (Rheinland-Pfalz, 600 Einwohner) zeichnen sich durch eine besonders grenzüberschreitende Vergangenheit aus: Bis 1815 bildeten beide Orte eine einzige Gemeinde.
Deutsch-französische Geschichte
Der Name Scheibenhard bedeutet „Lichtung im Wald“. Die Vergangenheit wurde von den Alamannen und Franken im 5. Jahrhundert sowie von der Pest geprägt, die das Dorf im 14. Jahrhundert dezimiert. Bis 1815 hatte die Gemeinde es geschafft, in einem Stück zu bleiben. Nach der Niederlage der napoleonischen Truppen bei Waterloo wurde Europa von den Siegermächten (Österreich, Preußen, dem Vereinigten Königreich, Russland und den Niederlande) auf dem Wiener Kongress neu geordnet. zwischen Scheibenhard auf französischer und Scheibenhardt auf bayerischer Seite.
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870–71 wurden das Elsass und Scheibenhard dem Deutschen Kaiserreich angegliedert, dem Scheibenhardt bereits vollständig angehörte. 1918 kehrte Scheibenhard in den französischen Bas-Rhin zurück, während Scheibenhardt Teil der Weimarer Republik wurde. Während des Zweiten Weltkrieges musste die französische Bevölkerung evakuiert werden und vor der Wehrmacht flliehen. Die Nachkriegszeit und die Versöhnung schufen eine einzigartige grenzüberschreitende Dynamik zwischen beiden Dörfern. 1992 stimmten 72 % der französischen Einwohner für den Vertrag über die Europäische Union; 1993 fielen die Zollgrenzen. Beide Gemeinden fanden wieder zusammen, die Menschen bewegten sich frei – zugunsten von Handel, gemeinsamem Vereinsleben und grenzüberschreitenden Veranstaltungen.
Der Lauterchor, eine echte deutsch-französische Vereinigung
Bis heute leben beide Gemeinden einen deutsch-französischen Alltag. Die Brücke über die Lauter verbindet Scheibenhard direkt mit Scheibenhardt. Die Einwohner überqueren täglich die Grenze, um spazieren zu gehen oder einzukaufen. Das jährliche Brückenfest vereint seit 1996 elsässische und pfälzische Spezialitäten sowie Bürger beider Dörfer.
Die 14 Mitglieder des Lauterchors treffen sich regelmäßig zum gemeinsamen Singen. Die Hälfte stammt aus Deutschland, die andere aus Frankreich.
„Wir treffen uns jede Woche zur Probe. Wir singen in beiden Sprachen. Wir feiern auch gemeinsam Geburtstage, trinken Kaffee, essen Kuchen. Und genau dort tauschen wir Anekdoten von beiden Seiten aus, das ist etwas sehr Schönes“, erklärt Bernard Bordenkircher, Einwohner von Scheibenhard.
Die Pandemie, ein Schock für alle
2020 wurden pandemiebedingt die Grenzen geschlossen. Auch wenn diese administrative Entscheidung alle Grenzgemeinden betraf, war es für die Einwohner hart.
„Wir haben Covid als einen harten Schlag erlebt. Die Grenzen waren geschlossen, es gab Barrieren auf der Brücke“, erinnert sich die Ehefrau von Bernard Bordenkircher. Und fügt hinzu: „Wir halten an Schengen fest. Es ist gut, sich frei bewegen zu können.“
„Als Einwohner von Scheibenhard habe ich die Grenzschließung sehr schlecht erlebt. Die Grenze gehörte zu meiner Jugend. Ich kannte die Zollbeamten gut“, sagt Bernard Bordenkircher leise.
Trotzdem beweisen Scheibenhard und Scheibenhardt, dass Resilienz eine Eigenschaft der deutsch-französischen Beziehungen ist. Über beide Gemeinden schrieb Denis Pourchet, ehemaliger Beamter der Europäischen Kommission, 2020 einen offenen Brief in den Dernières Nouvelles d’Alsace.
© Falk2, CC BY-SA 4.0.