Grand-Est – Bade-Württemberg

Gaspard Koenig, philosophe

"Weltoffenheit ist der beste Weg, um Traditionen zu bewahren"

Der Philosoph, Essayist, Schriftsteller und seit Kurzem auch Gründer der politischen Partei „Simple“ Gaspard Koenig hat 2020 eine 2.500 Kilometer lange Reise zu Pferd vom Périgord nach Rom unternommen und ist damit in die Fußstapfen Montaignes getreten, der 1580 auf dieser Route unterwegs war. Für Voisins-Nachbarn blickt er auf die Etappen in den Vogesen, im Elsass und am Rhein dieser Reise zurück, über die er in "Notre vagabonde liberté" (1) berichtet hat.

Gaspard Koenig

Wie verlief Ihre Reise durch die Vogesen, das Elsass und dann durch Baden-Württemberg?

In all diesen Regionen wurde ich sehr freundlich empfangen, was anderswo nicht immer der Fall war. Dadurch, dass ich mit dem Pferd unterwegs war, konnte ich die verschiedenen Landschaftsmuster gut beobachten und mit den Menschen ins Gespräch kommen. Als ich von der Vôge (in der Haute-Saône Franche-Comté, Anm. d. Red.) zu den Vogesen und von der Ebene in die Berge kam, fühlte ich mich wirklich woanders, sehr weit weg von Paris. In diesem geschlossenen Kulturraum sind die Sprachakzente, die dialektalen Ausdrücke sowie der Bezug zur Region und den Traditionen aus physischen und geografischen Gründen stärker als in der Ebene.

Als ich über die Vogesen ins Elsass kam, wurde mir klar, dass vom Elsass aus gesehen die Vogesen Frankreich sind - was voraussetzt, dass das Elsass nicht wirklich dazu gehört. In Thann machte mir die Begegnung mit einem dortigen Historiker bewusst, dass die Elsässer die Rückkehr zu Frankreich im Jahr 1918 möglicherweise als Annexion erlebt hatten. Nie zuvor hatte ich mich gefragt, ob das Elsass und Lothringen, für das Frankreich so hart gekämpft hatte, wirklich wieder französisch werden wollten.

In die Schweiz konnte ich wegen besonders penibler Zollbeamter nicht einreisen, die sich damit in gewisser Weise ihrer Geschichte und Kultur gegenüber loyal zeigten. In Baden-Württemberg war ich zunächst von einer Opulenz beeindruckt, die ich mir zuvor nicht vorstellen konnte. Ich konnte mich dort sehr frei bewegen, da die Wege offen waren: In Deutschland bringt Eigentum auch Pflichten mit sich, darunter die Pflicht, private Wege zu erhalten und zu pflegen.

Bevor Sie nach Deutschland einreisten, machten Sie einen Zwischenstopp in Mülhausen, wo Emmanuel Macron im Februar 2020 eine Rede gegen islamistischen Separatismus gehalten hatte. Sie wollten eine Bestandsaufnahme der interreligiösen Beziehungen vornehmen. Welche Schlussfolgerungen zogen Sie daraus?

Als Montaigne nach Mülhausen reiste, wollte er unbedingt die erste reformierte Stadt besuchen. Diese gehörte damals zum Kanton Basel. Heute leben in Mülhausen 25 % Muslime, was dem entspricht, was in Frankreich in den nächsten Jahrzehnten wahrscheinlich vorherrschen wird. Trotz der Rhetorik der Stadtverwaltung, die die Vorteile der Interkulturalität hervorhebt, läuft es nicht besonders gut. Es gibt ein Gefühl der kulturellen Unsicherheit und das Klima ist ziemlich angespannt. Die Muslime, die ich getroffen habe, schienen jedoch in Frieden leben zu wollen. Zwar leben sie in ihren Vierteln in Gemeinschaften, aber es gibt keinen Grund, warum Muslime die einzigen sein sollten, die kein Recht auf Kommunitarismus haben. Das ist eine natürliche Tendenz, die man auch beobachten kann, wenn man sieht, wie sich die Pariser „Bobos“ im 11. Arrondissement zusammenschließen. Der Bau einer Moschee (das Kulturzentrum An Nour, eröffnet im Mai 2019, Anm. d. Red.) scheint mir geeignet, diese Gemeinschaft zu strukturieren und eine Radikalisierung zu verhindern. Abgesehen davon haben mir meine Gesprächspartner gesagt, dass sie mit den republikanischen Gesetzen, die in Richtung eines „Kampflaizismus“ gehen und zu Spannungen führen, eher schlecht leben können.

Vor 450 Jahren reiste Montaigne durch ein Frankreich, das von den Religionskriegen verwüstet wurde. Besteht diese Gefahr auch heute noch?

Die Religionskriege des 16. Jahrhunderts wiesen einen Grad an Gewalt auf, den wir vergessen haben. Religiöse Spaltungen sind eine Konstante in unserer Geschichte. Sie betrafen gestern die Juden und richten sich heute gegen die Muslime. Die Pamphlete von Edouard Drumont am Ende des 19. Jahrhunderts waren noch viel gewalttätiger als das, was Eric Zemmour heute sagen kann! Diese Spannungen dürfen nicht mit Verachtung behandelt oder als Spaß abgetan werden. Wir befinden uns heute in einer Zeit des Umbruchs. Man muss den Hassreden eine Botschaft der Toleranz und der Vernunft entgegensetzen, sich ein Herz fassen und ihnen höflich widersprechen, ohne ihren Hass zu erwidern. Es war noch nie leicht, Widerstand zu leisten und das Zusammenleben mit Minderheiten zu verteidigen. Es gilt, die Fehler des 16. Jahrhunderts zu vermeiden. Mit dem historischen Abstand können wir einen anderen Weg als den der Konfrontation wählen.

In Baden-Württemberg haben Sie diesen „Mittelstand“, von dem die französischen Wirtschaftswissenschaftler träumen, aus erster Hand beobachtet. Wie haben Sie ihn wahrgenommen?

Was ich entdeckt habe, ist eine starke Antwort auf das Gerede von der Abschottung: Weltoffenheit ermöglicht es, Traditionen zu bewahren, und besser noch, sie lebendig und modern zu halten. In Deutschland kann man Weltmarktführer für Schrauben oder Kühlschranktüren sein und trotzdem in seinem Dorf verwurzelt bleiben. Die jungen Leute gehen zum Studieren in die regionale Metropole, manchmal sogar noch viel weiter weg, und kehren danach in ihre Region zurück. So gibt es auch junge Familien in den Dörfern und die lokale kulturelle Lebendigkeit ist erstaunlich. Traditionen und Dialekte leben weiter. Während dieses Reiseabschnitts habe ich drei verschiedene Arten der Begrüßung gehört. Ich sehe darin ein wunderbares Vorbild.

 

(1) Editions de l'Observatoire - Le Point, September 2021.

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