Saarland - Mosel

Bodo Busse, Generalintendant des Saarländischen Staatstheaters

„Wir sehen unser künstlerisches Selbstverständnis auch in der Grenzüberschreitung“

Im Interview spricht Bodo Busse über die Herausforderungen und Chancen, die sich für ein Theater in der „Herzregion Europas“ ergeben.

Bodo Busse

Herzlichen Glückwunsch zur umjubelten Evita-Premiere am 9. Oktober! Was ist das Erfolgsgeheimnis des neuen SST-Musicals?

Der Erfolg ist zunächst einmal die schöne Tatsache, dass wir wieder vor voll besetztem Großen Haus spielen können und das Theater, so wie wir es lieben, wieder zurück ist: in Präsenz, mit Pause, mit dem gemeinsamen Erleben. Dann ist es natürlich ein Glück, dass wir Gil Mehmert für die Regie gewinnen konnten, immerhin einer der erfolgreichsten und meist gefragten Musical-Regisseure in Deutschland.

Und dann können wir auch mit einer exzellenten Cast punkten: Bettina Mönch als Evita und David Jakobs als Che. Beide gehören zu den Stars der deutschen Musical-Szene. Alles dies zusammen, der gute kreative Geist im Haus, die Freude in allen Abteilungen, wieder in einen normalen Spielbetrieb zurück zu kehren, haben sicherlich zum Erfolg der Produktion beigetragen.

Die drei Spielstätten des SST liegen nur wenige Kilometer von Frankreich entfernt, zwischen Saarbrücken und Saargemünd gibt es eine Straßenbahnlinie, nach Forbach fahren Bus und Bahn. Welchen Beitrag leistet das SST zum kulturellen Leben im Grenzgebiet?

Wir sehen unser künstlerisches Selbstverständnis auch in der Grenzüberschreitung zu Frankreich und Luxemburg. Wir haben zwar keinen Shuttle zwischen Saarguemund, Forbach und Saarbrücken – vielleicht wäre das mal eine wunderbare kooperative Initiative der jeweiligen Stadtwerke – aber wir gehen zunächst einmal schon zweisprachig im Programm, auf der Homepage, im Spielzeitheft und in den Übertiteln auf das Publikum in der Grenzregion zu.

Der Publikumsaustausch zwischen dem Staatstheater und dem Le Carreau in Forbach könnte auch noch intensiver werden. Aktuell arbeiten wir an einem großen partizipativen Bühnenprojekt mit deutschen und französischen Jugendlichen, das genau die Überwindung der sprachlichen und kulturellen Barrieren in der Großregion zum Thema hat. Dieses Projekt wird auch vom Deutsch-Französischen Jugendwerk unterstützt.

Und auch im Schauspiel planen wir gerade eine deutsch-französische Adaption des Kultromans „Wir später ihre Kinder“ von Nicolas Matthieu, worin von den Höhen und Tiefen der Adoleszenz einer transkulturellen Jugend in der Lorraine erzählt wird. Gerade im Bereich der Jugendarbeit sehen wir eine große Chance, die bestehenden Grenzen zu überwinden und ein interessiertes und engagiertes Theaterpublikum von morgen zu generieren. Die Nähe in den frankophonen Sprach- und Kulturraum ist ein wichtiger Impuls für unsere Programmatik, aber auch für unsere Außendarstellung und Vermittlung.

Die Öffnung in Richtung Frankreich wird auch beim Lesen des Spielplans deutlich, zum Beispiel mit dem Festival Primeurs, das sich frankophoner Gegenwartsdramatik widmet. Ergibt sich aus der Grenznähe eine Verpflichtung?

Selbstverständlich hat ein Haus wie das Saarländische Staatstheater, das ursprünglich als ein „Bollwerk gegen Frankreich“ gebaut war, eine historische Verantwortung im Bekenntnis zur grenzüberschreitenden Kulturvermittlung und Diversität. Auch die Lage des Theaters am Saarufer ist als Fenster in den Westen Europas zu verstehen. Und welches Theater in Deutschland hat schon allein durch geografische Koordinaten die Chance, sich kulturell und sprachlich zu angrenzenden Ländern zu öffnen, in Dialog zu treten. Saarbrücken liegt ja ein bisschen in der Herzregion Europas. Diesen Pulsschlag nehmen wir kreativ und selbstbewusst auf.

Im November steht in der sparte4 das Stück „Das Fenster“ in Kooperation mit Les Théâtres de la Ville de Luxembourg auf dem Programm. Auch das ist eine erfolgreiche Zusammenarbeit über Grenzen hinweg ...

Mit dem Theater in Luxemburg verbindet uns eine intensive Zusammenarbeit, die durch einen kreativen Dialog über Themen und Produktionsmöglichkeiten in der Großregion belebt ist. Das Stück „Das Fenster“ von Mandy Thiery ist genau von dem Gedanken ausgegangen, dass wir die Vielfalt der Lebensformen an der Grenze beleuchten wollten. Die Idee der Grenze wurde weniger politisch als existentiell gefasst, so dass der eigentliche Stücktext dann auch dialogisch zwischen Luxemburg und Saarbrücken entstanden ist. „Das Fenster“ ist ja auch Teil unserer Saarland-Saga, die wir mit der deutsch-luxemburgischen Uraufführung „Mettlach“ begonnen hatten.

Aber auch im Musiktheater kooperieren wir viel mit den Nachbarn: aktuell steht „Macbeth Underworld“ von Pascal Dusapin als Koproduktion mit den Théatres de la Ville de Luxembourg auf dem Spielplan, weitere Musiktheaterprojekte sind in Planung. Mit der Opéra National du Rhin verbindet uns eine Kooperation mit Kinderopern: so zeigen wir im Frühjahr die Übernahme von „Wanda Walfisch“ in der Alten Feuerwache.

Konzerte des Saarländischen Staatsorchesters und Ballett-Aufführungen sind universell verständlich. In Schauspiel und Oper bietet das SST hingegen französisch Übertitel. Wie erleben Sie die Sprachbarriere in der Großregion?

Leider ist die Sprachbarriere größer als wünschenswert, daher versuchen wir hier durch Übertitelung und Live-Übersetzung beim Festival „Primeurs“ sowie durch einen regen deutsch-französischen Austausch auch in Marketing, Education und Dramaturgie sprachliche Brücken zu bauen. Die Tatsache, dass wir in einer kulturellen Großregion mit verschiedenen Sprachen leben, ist doch ein schöner Beweis, dass es nicht Ländergrenzen sind, die Identität bilden.

Ich würde sogar sagen, dass die Frage der Identität heutzutage oftmals ideologisiert wird, wodurch wieder neue Grenzen oder gesellschaftliche Subsysteme entstehen, die doch dem großen Ideal der Integration widersprechen. Transkulturalität sollte offen, liberal und grenzüberwindend sein, nicht segmentierend und abgrenzend. Das sind die große gesellschafts- und kulturpolitische Herausforderungen der nächsten Jahre. Und leider hat die Corona-Pandemie ja eher zu weiterer Isolation geführt, nicht nur im Hinblick auf Ländergrenzen. Theater muss befreien!

Sie sind seit 2017 Generalintendant des SST, arbeiten in Saarbrücken, wohnen in Petite-Rosselle – Sie leben in der Großregion. Was schätzen Sie daran?

Ich lebe gewissermaßen die Frankreich-Strategie bzw. die Grenzüberschreitung allein durch meinen alltäglichen Grenzübertritt. Ob das jetzt die Goldene Bremm oder Schoeneck oder Großrosseln ist: Die Grenzen sind zwar überall unsichtbar und nur ein Wechsel der Sprache auf Schildern, aber dennoch überschreitet man auf der Brücke nach Petite-Rosselle eine Demarkation, die dennoch eher Vielfalt ermöglicht statt Abgrenzung.

Ob das nun lebenspraktisch im Bereich des Lebensmittelkonsums, der Gastronomie, der Naherholung oder des kulturellen Angebots ist: Das auf der Oberfläche Verschiedene ist doch in der Grenzregion unterirdisch ohnehin doch die Stollen der Bergwerke verbunden. Das hat für mich eine symbolische Kraft der Einheit in Vielfalt. Auch die stillgelegten Bergwerke in Velsen oder Petite-Rosselle haben für mich einen ganz besonderen Zauber der zwar stummen, aber erlebbaren Gegenwart der gemeinsamen Arbeit über historische Brüche hinweg. Diese Stummheit zu überwinden ist doch aber auch eine Aufgabe der grenzüberschreitenden Kultur und Lebensart. Und letztendlich ist das Haus an der Rossel, in dem ich mit meinem Ehemann wohne, ein schönes und beglückendes Idyll nur wenige Meter von der deutsch-französischen Grenze.

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