Europe

Karl-Heinz Lambertz, Präsident der Arbeitsgemeinschaft europäischer Grenzregionen

„Grenzschließungen sind geradezu reflexhaft die erste Reaktion auf Probleme“

Der Präsident des Parlaments der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien, Karl-Heinz Lambertz aus Eupen, „politisches Urgestein“, ist seit 2020 der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen (AGEG). Die AGEG ist die älteste europäische Dachorganisation für Grenzregionen und grenzüberschreitende Zusammenschlüsse. 2021 besteht sie seit 50 Jahren. Die Heimatregion von Lambertz ist Teil des belgischen Bundesstaates, der Euregio Maastricht-Lüttich-Aachen und der Großregion SaarLorLux, wo die grenzüberschreitende Dimension und ihre Veränderungen zum Alltag gehören.

Karl-Heinz Lambertz

Die Arbeitsgemeinschaft europäischer Grenzregionen (AGEG) besteht nun seit 50 Jahren. Sind Grenzen heute immer noch ein Thema?
Als die Arbeitsgemeinschaft gegründet wurde, knappe 25 Jahre nach dem Ende des II. Weltkrieges, im zweiten Jahrzehnt europäischer Zusammenarbeit, spielten die Staatsgrenzen noch eine sehr große Rolle. Wir waren noch weit entfernt von dem Europa, das wir seit den 1990er Jahren kennen. Als die Binnengrenzen abgeschafft wurden, entstand bei manchen der Eindruck, es gäbe jetzt keine Grenzen mehr. Das ist in vielerlei Hinsicht falsch. Auch wenn es tatsächlich immer offenere Grenzen gegeben hat, Mobilität über die Grenzen hinweg möglich wurde, musste man immer wieder, wie zuletzt bei der Corona-Pandemie, die Erfahrung machen, dass Grenzschließungen geradezu reflexhaft die erste Reaktion auf Probleme ist. Als man die Grenzen Corona-bedingt zumachte, den Übergang erschwerte, sind längst überwunden geglaubte Ressentiments wieder aufgetaucht. Das bedeutet, dass nichts von alleine kommt, wenig von Dauer ist, man sich ständig bemühen muss und gerade hier, bei der Arbeit mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturwelten persönliche Kontakte von größter Bedeutung sind.

Auch nach 50 Jahren ist das Thema Grenzen aktuell wie eh und je. Die Herausforderung, Zusammenarbeit dies- und jenseits der Grenzen zu ermöglichen, zu beschleunigen und zu verbessern, bleibt aus meiner Sicht eine politische Aufgabe, die in diesem Europa, das die größte Dichte an Staatsgrenzen weltweit hat, von allergrößter Bedeutung ist. Sie entscheidet wesentlich mit über die Zukunft des Kontinentes.

Worin sieht die AGEG ihre Aufgaben jetzt und in der Zukunft?

In der AGEG sind etwa hundert Grenzregionen versammelt. Der Arbeitsgemeinschaft geht es um die Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Herausforderung besteht darin, voneinander zu lernen, Grenzen weiter abzubauen, Kompatibilitäten zu schaffen, schließlich Verflechtungsräume grenzüberschreitend zu organisieren. Das sind sehr komplexe Aufgaben, z.B. beim Erkennen und Lösen von Problemsituationen an den Grenzen, wie zum Beispiel bei der Terrorwelle und später bei den Flüchtlingsproblemen und ganz aktuell und zuletzt bei der Corona-Pandemie. Hier tauchen plötzlich Probleme auf, an die man gar nicht gedacht hat und die damit zusammenhängen, dass dieser Schritt über die Grenze auch immer der Schritt hin in eine andere Rechtsordnung, sehr oft aber auch in einen anderen Kulturkreis, in einen anderen Sprachraum, in andere Verwaltungs- und Wirtschaftsrealitäten bedeutet.
Und da kann man dann so manche Überraschung erleben, wenn sich da nur oberflächlich auskennt.
Wir möchten uns gezielt in die Regionen hinein entwickeln, wo es eine ganze Menge delikater Grenzsituationen gibt und wo es wichtig ist, dass im kleinen Grenzverkehr noch etwas geschieht. Dass da jetzt nicht neue Mauern und Todesstreifen entstehen.
Wir müssen das Bewusstsein für die Bedeutung der Grenzregionen schärfen, eine starke Lobbyarbeit hin zu den europäischen Institutionen leisten.
 

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