Oberrhein

Wenn durch Rapmusik Grenzen verschwinden

Flotte Beats, zweisprachige Texte und politische Botschaften: Zweierpasch ist eine deutsch-französische Hip Hop Band par excellence. Nicht nur in ihren Songtexten springen die Frontmänner Till und Felix Neumann zwischen den Sprachen hin und her, auch im Alltag überqueren die Zwillinge nahezu täglich den Rhein und gestalten die Grenzregion Oberrhein aktiv mit. Im Frühling 2022 soll ihr neues Album „Positive Rebellion“ erscheinen. Über ihr musikalisch-politisches Engagement haben wir mit Felix Neumann gesprochen.

Felix und Till Neumann

Till und du seid in Deutschland geboren und habt keine familiären Wurzeln nach Frankreich. Wie kommt man auf die Idee, plötzlich auf Französisch singen zu wollen?

Felix Neumann: Unsere Leidenschaft für Fremdsprachen und besonders für Französisch haben mein Bruder und ich schon in der Schule entdeckt. Nach dem Abitur haben wir für eine Weile in Frankreich gewohnt, später sind wir dann in der Grenzregion gelandet, wo wir bis heute leben. Mit der Zeit sind wir als Band dann immer deutsch-französischer geworden. In der Musik geht es ja auch darum, etwas Kreatives zu schaffen, etwas Neues zu wagen. Der Sprachenmix innerhalb einer Strophe oder nach ein paar Zeilen ist gerade das Spannende für unsere Musik, er ist unser Markenzeichen.

Merkt ihr Unterschiede bei Konzerten, wenn ihr vor einem deutschen oder vor einem französischen Publikum spielt?

Ich nehme die französische Wertschätzung für Kultur als größer wahr als in Deutschland. Das Publikum ist von Anfang an ein bisschen lockerer und ausgelassener, selbst wenn es die Band noch nicht kennt. Ich denke, dass der Beruf des Musikers in Frankreich insgesamt etwas stärker wertgeschätzt wird. Die letzten eineinhalb Jahre haben es noch einmal gezeigt: Der Künstlerberuf genießt noch immer nicht die gleiche Anerkennung wie ein „echter Beruf“. Viele Leute sagen zwar, dass sie gerne Kulturangebote wahrnehmen, aber dass Berufsmusiker auch Geld verdienen müssen, fällt oft hinten runter.

Felix Neumann

Felix Neumann © Zweierpasch

Apropos Coronakrise…Wie war es denn für euch als deutsch-französische Band, als die offen geglaubte EU plötzlich wieder Passkontrollen an der Grenze eingeführt hat?

Bei allem Verständnis für den Schutz der Gesundheit der Bevölkerung, es war ein Schock. Ich brauchte Papiere für berufliche Fahrten und für den täglichen Weg von Kehl nach Straßburg, um meinen Sohn zur Krippe zu bringen. Es war wirklich hart. Einmal war ich gerade dabei, mit meinem Handy einen Talk zur Grenzschließung aufzunehmen, da wurde ich von Grenzbeamten höchst grob vom Platz verwiesen, mein Handy wurde beschlagnahmt und die Bilder wurden gelöscht. Wir waren ziemlich empört, wie das Ganze gelaufen ist. Das war so ein harter Einschnitt, den wir dann auch musikalisch und künstlerisch verarbeitet haben. Daraus ist dann unser Song "Ouvrez les frontières" geworden, ein Protestsong gegen die Grenzschließungen und ein Positivplädoyer für die Anerkennung der Menschen, die ihr Leben über die Grenze hinweg planen und gestalten. Ich schätze Europa sehr und fühle mich weniger als Deutscher als als jemand, der sich in zwei Ländern zu Hause fühlt. Als das unterbunden wurde, gab es diesen Impuls, sich noch stärker zu äußern und noch kritischer zu sein. Wir sind ja in unseren Texten generell gerne kritisch gegenüber Entscheidungen von der Europäischen Union. Wir sind keine EU-Band, sondern eher eine Europa befürwortende kritische politische Band.

Stichwort politische Band, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich sind es aufregende politische Zeiten. Hierzulande deutet gerade alles auf eine neue Ampel-Regierung hin, nächsten April stehen dann auch in Frankreich die Wahlen an. Was müssten die zukünftigen Regierungen bei der Zusammenarbeit noch verbessern?

Es gibt natürlich noch Luft nach oben, im Lokalen, hier an der Grenze, aber auch im Großen, wie zum Beispiel bei der Seenotrettung, wo die EU es verpasst hat eine Einigung hinzukriegen, wie man ankommende Flüchtlinge verteilen und humanitär empfangen kann. Wenn man wie wir die Europäische Union als Friedenskonstrukt sieht, hat man auch den Anspruch, dass Werte wie Frieden, Gerechtigkeit und Menschlichkeit nicht mit Füßen getreten werden. Deshalb müssten Deutschland und Frankreich da noch mehr bewegen und dafür sorgen, dass nicht noch weitere Menschen sterben müssen. Im Wahlkampf wurden wir auch öfter von Parteien angefragt, ob wir bei ihren Events auftreten wollen. Da halten wir uns aber lieber zurück. Wir sind zwar politisch, wollen uns aber nicht durch zu viel Parteinähe in eine Richtung drängen lassen. Aber natürlich sind wir einigen Parteien näher als anderen, logischerweise freue ich mich, wenn die AfD nicht an die Macht kommt und auch Éric Zemmour nicht der nächste Präsident von Frankreich wird.

Ihr engagiert euch auch neben euren Konzerten in verschiedenen Projekten. Was macht ihr da so?

Eines der größeren Projekte ist auch die „école du flow“, ein großer grenzüberschreitender Musikwettbewerb, der dieses Jahr zum dritten Mal stattfindet. Wir bieten Workshops an Schulen an und diskutieren mit jungen Leuten über Europa, Kultur, Demokratie und Rassismus. Wir wollen Lust auf Fremdsprachen und grenzüberschreitende Begegnung machen. Wir haben Kooperationen mit dem Goethe-Institut, dem Institut Français und auch mit dem Klett-Verlag, für den wir Lehrerfortbildungen anbieten zur Frage, wie man Musik in den Fremdsprachenunterricht einbinden kann. Die Priorität liegt aber bei den Konzerten. Mit Musik kann man in drei Minuten auf den Punkt bringen, was man zu einem Thema denkt, sich wünscht und vorschlägt. Das ist die Macht der drei Minuten. Musik kann wirklich viel in Köpfen bewegen und vielleicht auch da ab und zu Grenzen überschreiten.


Info nächste Konzerte:

08. Oktober 2021: Jazzhaus Freiburg

20. Oktober 2021: Paris - Deutsche Botschaft (Teilnahme nur auf Einladung.)

29. Oktober 2021: Kula Konstanz

13. November 2021: Stuttgart 

22. Januar 2022: Nantes (angefragt)

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