Saarland - Großregion

Das Saarland, eine europäische Geschichte

Erster Teil : Der Regionalplan legt 1947 die Grundlagen der Großregion

Wer kennt schon das Saarland und wenn ja, welches? Liegt es links- oder rechtsrheinisch entrückt? Dass das kleine Land ein symbolischer Ort für die deutsch-französischen Beziehungen ist und dass hier der Europa-Gedanke als Staatsziel in der Landesverfassung verankert ist, ist nicht gerade ein Allgemeinplatz.

Rive gauche de la Sarre

Erst die nachbarschaftliche europäische Perspektive erlaubt es, einen frischen Blick auf das kleine Land, ce cas particulier, zu werfen, das bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges der Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland gewesen ist. Von hier aus zeigt sich ein Saarland, das den Weg nach Europa trotz aller Schwierigkeiten immer wieder aufgenommen hat und wo alle Fäden in der Zeit zwischen 1945 und 1955 zusammenlaufen. So handeln meine drei kurzen Geschichten von Aufbruch und Zuversicht, von Grenzen und Zusammenarbeit, Visionen, Idealismus  und ein wenig auch vom « Scheitern », weil das einfach zu Europa dazu gehört.

"Europa wird nicht an einem Tag und nicht reibungslos entstehen. Ohne Mühe kann man nichts Beständiges schaffen. Aber es geht voran (...). Dieser Gedanke Europa wird allen unsere gemeinsamen Kulturgrundlagen enthüllen - und mit der Zeit ein Band schaffen, das dem gleich ist, welches die Vaterländer zusammenhält. Er wird die Kraft sein, die alle Hindernisse überwindet.“

Robert Schuman, Für Europa, Hamburg/Paris/Genf 1963, Vorwort, Menton 1963

Georges-Henri Pingusson

Wie soll der Aufbau aussehen, was soll wieder aufgebaut werden sollte und zu welchem Zweck? Diese Fragen stellte sich Georges-Henri Pingusson, als er im Herbst 1945 als staatlicher Chefarchitekt  im Gefolge der französischen Militärregierung von Paris nach Saarbrücken kam. Seine Aufbaupläne prägen das Selbstbild der Stadt als « carrefour de l’Europe » und Brücke zu Frankreich bis heute.

Sein Dienstherr, Gilbert Grandval, attestierte Pingusson Jahre später die Gratwanderung zwischen den französischen und saarländischen Behörden : "Für das Hochkommissariat arbeitete er als Chefarchitekt für Saarbrücken und Umgebung, nach der Umwandlung in eine diplomatische Mission wurde er in derselben Funktion an die entsprechenden saarländischen Behörden abgeordnet", Gilbert Grandval, Compagnon de la Libération (aktiv im Widerstand unter Charles de Gaulle), war zu jenem Zeitpunkt französischer Militärgouverneur im Saargebiet.

Plan d’urbanisme  de Sarrebruck 1947

Scharnier und Drehkreuz zwischen den Ländern

Gestützt von der Authorität Grandvals stellte Pingusson bereits ein Jahr nach Amtsantritt, 1946, den „Gesamtplan zur Neugestaltung Saarbrückens “ vor Ort öffentlich zur Diskussion. Beide stimmten darin überein, dass das Saargebiet wegen seiner geographischen Lage „eines der besten Gebiete Europas“ sei, und dass es einer hervorragenden Entwicklung nicht nur im ökonomischen, sondern auch kulturellen Sinne entgegensehen könne. Im Mai 1947 legte der Regional- oder Masterplan die ökonomischen, politischen und kulturellen Richtlinien für den Aufbau fest. In dieser Vision wird aus dem  « Bollwerk  gegen den Westen » eine „région charnière“ – ein Scharnier, ein Drehkreuz - zwischen Saar und Mosel.
Das Montandreieck Saarland-Lothringen-Luxemburg sollte im Sinne des Regionalplans zu einem grenzübergreifenden Wirtschaftsraum zusammenwachsen. In diesem Sinne wurden Fragen der Raumplanung und des Städtebaus neu und gemeinsam gestellt. Man setzte auf eine strikte Koordination der Nachbarn in Planungsfragen [1].

Erbitterten Kampfhandlungen

Die Grenzlage der reichen Kohlevorkommen im Saarland und in Lothringen hatte im 19. und 20. Jahrhundert zu erbitterten Kampfhandlungen geführt. Zwischen den beiden Weltkriegen wurde die Rote Zone entlang der Grenzen militärisch und propagandistisch aufgerüstet. In Frankreich verläuft hier die Maginot-Linie, in Deutschland der Westwall / Ligne Siegfried.

Sa position de bastion avancé en avait fait le point d’appui d’une propagande pangérmaniste,

fasste Pingusson zusammen, jetzt endlich könne man der eigentlichen Bestimmung dieser Region Rechnung tragen und sie so aufbauen, dass sie künftig dauerhaft zum Ausgleich zwischen beiden Kulturen beitrage.
Der von der Aufbauabteilung der französichen Militärregierung erarbeitete und von Pingusson vertretene und modifizierte Regionalplan unterstreicht die Sonderrolle, die « die Saar »  im Kontext des Aufbaus der besetzten Gebiete links vom Rhein einnimmt. Er stellt die Weichen für die Zukunft der nächsten Generationen. Bis heute klingt er in den Konstrukten der Eurodistrikte und der Groß/Grande Région Saarland-Lorraine(Grand Est)-Luxemb(o)urg-Rheinland-Pfalz-Wallonie(n) nach.


Brief von Grandval an Pingusson, Cité de l’architecture et du patrimoine (CAPA), Centre des archives d’architecture du XXe siècle, fonds Pingusson.

[1] „Il est normal de traiter les problèmes d’urbanisme à l’échelon de la région économique, au sens le plus large, et dans l’Hypothèse d’une liberté des échanges retrouvée. / C’est précisément dans cette action, s’étendant sur une ou plusieurs générations, qu’une étroite coordination des divers plans régionaux (plan lorrain, plan luxembourgeois et plan sarrois) s’impose."
Gouvernement militaire de la Sarre, section Urbanisme et Reconstruction (éd.). La Sarre. Urbanisme. 1946. Sarrebruck : 1947.
 

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