Saarland - Europa

Das Pingusson-Gebäude: Zeuge eines europäischen Traums

Die Kunsthistorikerin Eva Mendgen erzählt weiter von den Hoffnungen, die Europa in der Nachkriegszeit im Saarland weckte. Der 1951 errichtete Bau der ehemaligen Saarbrücker Botschaft zeugt von einer Utopie, die von französischen, deutschen und europäischen Architekten mit Eifer und Begeisterung vorangetrieben wurde.

pingusson

Wer auf der Autobahn A 620 die Stadt Saarbrücken Richtung Luxemburg verlässt, wird linker Hand ein in die Länge gestrecktes, schlankes Hochhaus passieren. Was kurz nach seiner Erbauungszeit als eine der gelungensten architektonischen Schöpfungen im Stadtbild galt, zieht, obwohl es sich in einem desolaten Zustand befindet, auch heute noch die Blicke auf sich. Spürt man mehr, als man sieht? Ein Hochhaus, ein schmales Handtuch, schneeweiß in dieser kaputten Stadt. Über dieses weiße Gebäude haben wir nichts im Unterricht erfahren, schreibt die Zeitzeugin Birgit Grandhomme, die das Gebäude auf dem Weg zur Schule täglich passierte.

Birgit Grandhomme

© DR

"Es war 1955 eben die französische Botschaft und es war sie dann auch nicht mehr lange. Es sollte bis 2013 dauern, bis ich endlich in dieses  außerordentliche Gebäude kommen konnte, am französischen Nationalfeiertag, am 14. Juli.

Botschaft im Herzen Europas

Das Hochhaus ist Teil der weitaus größeren Anlage einer französischen Botschaft. Ihre Geschichte und der Ort, an dem sie errichtet wurde, sind eng mit der Entstehung der Montanunion verbunden. Erste Skizzen entstanden knapp zwei Monate, nachdem Robert Schuman, der französische Außenminister, die Pläne einer / Communauté européenne du Charbon et de l‘Acier / Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl am 9. Mai 1950 in Paris vorgestellt hatte. 1951 bewarb sich Saarbrücken zum ersten Mal um den Sitz der Behörden der Montanunion. Im selben Jahr sind die Baupläne fertig. Sie tragen den Stempel der  französisch-saarländischen Architectes associés Pingusson-Schultheis-Baur / Architektengemeinschaft Pingusson-Schultheis-Baur.

Saarbrücken, Hauptstadt der Montanunion

1952 schlug der frisch ernannte Botschafter Gilbert Grandval Schuman persönlich vor, de faire de la Sarre le ‘District of Columbia’ de l’Europe et de Sarrebrück (sic!) le siège de toutes les Institutions Européennes immédiates ou à venir / das Saarland zum ‚District of Columbia‘ Europas zu machen, zum Sitz alles europäischen Einrichtungen, jetzt und in der Zukunft. Bereits 1953 präsentierte sich das Saarland als Treffpunkt Europas, lieu de rencontre de l’Europe: LA SARRE EST OPTIMISTE! heißt es in derselben Broschüre. 1954 einigten sich die sechs Mitgliedsstaaten der Montanunion endlich auf das Europäische Statut des Saarlandes, die Zukunft als Standort der europäischen Institutionen schien gesichert. Der Ideenwettbewerb Saarbrücken, Hauptstadt der Montanunion / Concours de projets Sarrebruck Capitale de le CECA wurde ausgeschrieben.

Pingusson

Ausstattung des Büros des Gouverneurs © ENSBA/Cité de l'Architecture et du patrimoine/Archives du XXe siècle.

Neues Bauen und Modernisme

Die teilnehmenden Architekten kamen aus acht europäischen Ländern. Sie vertraten zwar die Bauauffassungen ihrer Länder, aber zugleich soll daraus in der Sprache der Architektur der europäische Ausdruck für die gemeinsame europäische Sache gefunden werden. (Otto Renner, 1955).

Vorbildlich dafür war das Anfang 1955 soweit fertig gestellte Botschaftsgebäude an der Saar mit Bürohochhaus (Konsulat) und dem mehrteiligen, langestreckten Flachbau, der eigentlichen Botschaft. Gleich daneben wäre, wenn alles nach Plan gegangen wäre, der „Neubau für die Hohe Behörde“ (der Montanunion) entstanden.

Den in Saarbrücken ansässigen Architekten Hans Bert Baur und Bernhard Schultheis gelang unter der Federführung des französischen Kollegen Georges-Henri Pingusson eine Synthese zwischen dem deutschen Neuem Bauen und dem französischen Modernisme. An der Ausstattung wirkten Pariser Staatskünstler ebenso mit wie Repräsentanten der neuen saarländischen Kunstszene, Industriedesign und Kunsthandwerk stehen gleichberechtigt nebeneinander. Das Botschaftsgebäude wird zum Symbol der Zusammenarbeit, zum Trait d’union (Pingusson).

Wenn alles nach Plan verlaufen wäre, hätte das neue Gebäude der Hohen Behörde von Ceca direkt neben der Botschaft gestanden. Aber nichts lief nach Plan...

Fortsetzung folgt noch.

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