Baden-Württemberg - Nordvogesen - Pfalz - Wallonien

Naturparks, die Orte des menschlichen Austauschs

Die Warnungen vor der Verschlechterung der Biodiversität haben die Entstehung von Schutzgebieten in der Großregion und am Oberrhein beschleunigt. Um die Natur zu erhalten, stellen die Naturparks die lokalen Akteure und die Einwohner in den Mittelpunkt ihrer Projekte.

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© qu-int.gmbhNationalpark Schwarzwald

Vor einem Jahr wurden am Rande der französischen Ardennen zwei neue wallonische Nationalparks, Entre Sambre et Meuse (Esem) und Vallée du Semois, gegründet. Beide stellen die Abstimmung mit den lokalen Akteuren in den Mittelpunkt ihres Aufbaus, wie zuvor schon der Schwarzwaldpark, der erste und einzige Nationalpark in Baden-Württemberg, der Anfang des Jahres sein zehnjähriges Bestehen feiert, und das grenzüberschreitende Unesco-Biosphärenreservat Nordvogesen-Pfalz, das seit über einem Vierteljahrhundert aktiv ist.

Entre Sambre et Meuse verbindet Wiedererschließung und Empfang von Touristen

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Johanna Breyne, Direktorin des Esem-Nationalparks. © Esem

"Im Nationalpark vermischen sich ein bemerkenswertes Naturerbe und ein historisch-menschliches Erbe. Wir befinden uns außerdem in einem der am stärksten benachteiligten Gebiete Belgiens. Die Herausforderung, die Bevölkerung einzubeziehen, ist sehr groß", erklärte Johanna Breyne, Direktorin des Esem-Nationalparks.

Die kollektive und partizipative Dimension ist Teil der Entstehungsgeschichte des Esem. Ursprünglich reagierten Naturschutzorganisationen auf einen Projektaufruf der wallonischen Regierung im Rahmen des Covid-Konjunkturprogramms, das mit EU-Mitteln aufgestockt wurde. Die Leitung des 22.000 ha großen Parks ist zwischen einem Verwaltungsrat und einer territorialen Koalition aufgeteilt, der 22 Organisationen angehören (Gemeinden, Verbände, Tourismusorganisation, lokale private Stiftung...). In Wirklichkeit sind die Interessengruppen noch zahlreicher: 76 regionale Akteure kreisen um den Park, von denen einige im Bürger- und Wissenschaftsrat vertreten sind. Die Priorität der Struktur ist die Erhaltung der Natur, insbesondere ihre "Wiedererweckung" durch freie Entwicklung. Von 10.000 ha Wald sind 1.700 ha als integrales biologisches Reservat ausgewiesen. Der Park plant auch Renaturierungsmaßnahmen, will aber auch der lokalen Bevölkerung zugute kommen.

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Ardenne. © Esem/D. Hubaut

Wertvolle Biotope

Das Gebiet, das eine Stunde von Charleroi und Namur und anderthalb Stunden von Brüssel entfernt liegt, hat seit der Gesundheitskrise ein neues Interesse an Tourismus und Wohnraum erfahren.

"Es gibt sowohl Hoffnungen als auch Befürchtungen hinsichtlich der touristischen Entwicklung der Region. Um die Verbreitung korrekter Informationen und den Austausch über die Ziele des Parks zu gewährleisten, setzt sich das Team, das sich der Bürgerbeteiligung und der Kommunikation widmet, für den Ausbau der Beziehungen zu den lokalen Akteuren ein", betont Johanna Breyne.

Die Räume werden nicht unter eine Glocke gestellt. Die Calestienne-Berge, wertvolle Biotope, die durch die Beweidung der Vorfahren geformt wurden, werden von Wanderherden durchstreift, um sie wiederherzustellen. Drei Touristenzentren sowie Online-Anwendungen werden die Touristenströme steuern, um die Ruhe in den Naturgebieten zu bewahren. Die Direktorin ist optimistisch: "Es gibt eine Dynamik rund um den Park und starke Erwartungen an Beschäftigung und Ausbildung". Der freiwillige Beitritt von Landwirten und privaten Besitzern von Obstgärten und Wiesen mit einer Fläche von über 1.000 ha ist ihrer Meinung nach ein starkes Indiz dafür.

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Calestienne, Fondry des chiens. © Schillemans

Eine grenzüberschreitende Biosphäre in den Vogesen und im Pfälzerwald

Zwischen Lothringen, dem Elsass und der Pfalz erstreckt sich ein riesiges Waldgebiet, das zwischen dem französischen Parc naturel régional des Vosges du Nord (PNRVN) und dem deutschen Naturpark Pfälzerwald geteilt wird. Die beiden Strukturen, die 1989 bzw. 1992 als Biosphärenreservat anerkannt wurden, haben sich zusammengeschlossen, um das grenzüberschreitende Biosphärenreservat (RBT) Nordvogesen-Pfalz zu gründen, das 1998 von der UNESCO anerkannt wurde und dessen vorrangige Aufgabe die Erhaltung der biologischen Vielfalt ist.

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© Dorschner

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Rita Jacob-Bauer, Direktorin des Regionalen Naturparks Nordvogesen. © PNRVN

"Das Reservat ist die größte zusammenhängende Waldfläche in Westeuropa. 65% der 300.000 Hektar, eine Fläche größer als Luxemburg, sind von Wald bedeckt. In dieser Hinsicht haben wir eine besondere Verantwortung", betont Rita Jacob-Bauer, Direktorin des Regionalen Naturparks Nordvogesen.

Derzeit sind 3,2% der Fläche des RBT als "Kerngebiete" eingetragen, in denen das Ökosystem streng geschützt ist. Hinzu kommen weitere Schutzgebiete mit unterschiedlichem Status, wie Naturreservate und Natura-2000-Gebiete. Die beiden Parks, die unabhängig voneinander bleiben, stellen ein gemeinsames Aktionsprogramm für das RBT zusammen.

"Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit spielt sich im menschlichen Austausch ab. Vor der Gründung der RBT gab es viele Diskussionen, vor allem zwischen Wissenschaftlern. Dann gründeten wir grenzüberschreitende Gruppen zu den Themen Biodiversität, Bildung oder auch Bauernmärkte. Als das RBT zehn Jahre alt wurde, haben wir nach Möglichkeiten gesucht, die Aktionen weiter auszubauen. In den letzten zehn Jahren haben die Aktionen an Umfang zugenommen, insbesondere bei der Wiederherstellung der biologischen Vielfalt", fasst Rita Jacob-Bauer zusammen.

Sich auf die Waldbewirtschaftung konzentrieren

So hat sich das Reservat zwischen 2020 und 2023 an einem Interreg-Programm zum Schutz von drei bedrohten Tierarten (Bachflohkrebs, Paluds-Bläuling-Schmetterling, Große Mausohr-Fledermaus) und zwischen 2016 und 2022 an dem ehrgeizigen Life-Biokorridor-Programm beteiligt, um drei grenzüberschreitenden Lebensraumtypen zu entwickeln: Wälder, offenes Gelände und Feuchtgebiete. So wurden beispielsweise fast 60 Hektar Seneszenzinseln angelegt und 13,5 km Ufergehölze wiederhergestellt. Von den etwas mehr als 5 Millionen Euro wurden mit fast 3 Millionen Euro rund 50 Kilometer Wasserläufe wiederhergestellt.

"Von außen betrachtet könnte man meinen, dass die Waldgebiete nicht von Menschen "besetzt" sind. Dennoch werden sie von zahlreichen Nutzergruppen mit sozialen und kulturellen Werten besetzt. Lokale Abstimmung, Dialog und Kompromisse sind die wichtigsten Instrumente für den Erfolg von Projekten", betont Rita Jacob-Bauer. Der Biodiversitätsatlas, der vom PNRVN in rund 20 Gemeinden durchgeführt wurde, war ein Volltreffer: "Wenn sich die Gemeinderäte erst einmal der lokalen Herausforderungen bewusst sind, sind sie oft freiwillig dabei. Immer mehr Gemeinden wollen Aktionspläne für die Biodiversität entwickeln", schwärmt die Direktorin. Das laufende Interreg-Projekt Jardiner pour la biodiversité (2022-2025) sensibilisiert die breite Öffentlichkeit, aber auch Schüler, Mitarbeiter von Gebietskörperschaften, Abgeordnete und Unternehmen für gute Praktiken.

In den nächsten Jahren wird sich die RBT auf den Wald konzentrieren: "Wir werden versuchen, ein grenzüberschreitendes Programm zur Waldbewirtschaftung zu verankern", hofft Rita Jacob-Bauer. Gemeinsame Treffen zwischen den beiden Parks und den Verwaltungsorganen Forstamt und Office national des forêts sollen dazu beitragen. Das Reservat wird sich auch an einem Interreg-Projekt zur fotografischen Beobachtung der Landschaftsentwicklung beteiligen, das vom regionalen Naturpark Lothringen getragen wird.

Der Schwarzwald Nationalpark feiert gerade sein zehnjähriges Bestehen

Der Schwarzwald Nationalpark ist der erste Nationalpark in Baden-Württemberg und befindet sich in einem stark frequentierten Mittelgebirge in einem dicht besiedelten Einzugsgebiet. Er feiert gerade sein zehnjähriges Bestehen und zieht eine erste Bilanz der Maßnahmen, die auf seiner 10.000 Hektar großen Fläche, die in zwei Teile aufgeteilt ist und zum Naturpark Schwarzwald Mitte-Nord gehört, durchgeführt wurden.

"Im Nationalpark Schwarzwald wird der Mensch ab 2044 auf Dreiviertel der Fläche nicht mehr eingreifen. Hier sind wir in den ersten zehn Jahren schon einen großen Schritt weitergekommen: Die Kernzone [am stärksten geschützte Zone, die der freien Entwicklung überlassen wird, Anm. d. Red.] ist von ursprünglich 33 Prozent auf mehr als 50 Prozent der Fläche gewachsen", so die Parkverwaltung.

Zehn Jahre reichen nicht aus, um die Auswirkungen der umgesetzten Maßnahmen vollständig zu bewerten, aber man kann bereits sagen, dass Arten, die auf alternde Wälder angewiesen sind, wie der Dreizehenspecht, der Wendehals oder der Grauschnäpper unter den Vögeln, 440 identifizierte Käfer und einige Pilze von Lebensräumen profitieren, die reich an mor-Holz sind. Zu den wichtigsten Arten, die es zu schützen gilt, gehören der Luchs und das Auerhuhn, die im Massiv stark vom Aussterben bedroht sind.

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© Arne Kolb/Nationalpark Schwartzwald

Naturalismus und Sozialwissenschaften

Der Nationalpark ist gleichzeitig ein naturwissenschaftliches und sozialwissenschaftliches Labor, ein Instrument der Bildung und der Tourismusentwicklung. Forscher untersuchen unter anderem, wie die Menschen einen Wald wahrnehmen, der wieder wild wird. Der Park wird von Kindergärten und Schulen besucht und verzeichnet jedes Jahr zwischen 800.000 und einer Million Besucher. Die 27 umliegenden Gemeinden haben sich zur Nationalparkregion zusammengeschlossen, um die Entwicklung des Tourismus zu fördern. Das große Besucherzentrum, dessen Museographie sich auf einen naturalistischen Ansatz konzentriert, wird im kommenden Herbst durch einen zweiten Ort ergänzt, der den Schwerpunkt auf die Kulturgeschichte der Region legt.

Bei seiner Gründung stieß der Nationalpark in den umliegenden Gemeinden auf Widerstand, insbesondere gegen das große Schutzgebiet. Von Anfang an wurde ein Beirat eingerichtet, der diese und die Landkreise einbezieht und an der Festlegung der Ziele des Parks mitwirkt. Die Zusammenarbeit artikuliert sich auch in einem Gremium, das sich aus Experten und allen Gemeinden der Parkregion zusammensetzt. "In mehreren Umfragen seit der Gründung erreichte der Nationalpark in Baden-Württemberg durchweg sehr gute Zustimmungswerte von rund 80 Prozent. Sowohl bei der Ausgestaltung aller wichtigen Themenfelder im Rahmen des Nationalparkplans als auch im vergangenen Jahr, als es um die Weiterentwicklung und Erweiterung des Nationalparks ging, konnten sich die Menschen in der Region mit vielfältigen Formaten von Führungen über Workshops bis zu Onlinebeteiligungen informieren und einbringen", so die Parkverwaltung.

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Das Besucherzentrum des Nationalparks Schwarzwald. © Daniel Muller/Nationalpark Schwartzwald

Wiedervereinigung oder Erweiterung

Die Zusammenführung der beiden abgetrennten Teile des Parks und seine Erweiterung sind ein Reibungspunkt in der politischen Arena des Landes, das die Struktur verwaltet. Nach internationalen Kriterien sind 10.000 Hektar gerade mal die Mindestgröße für einen Nationalpark. "In ihrem Koalitionsvertrag von Mai 2021 hat die Landesregierung von BadenWürttemberg festgelegt, die Schutzgebiete in Baden-Württemberg insgesamt zu stärken. Auch der Nationalpark Schwarzwald soll deshalb räumlich erweitert und inhaltlich weiterentwickelt werden", erläutert die Parkverwaltung. Die beiden Teile der grün-schwarzen Koalition (Grüne-CDU), die das Land regiert, vertreten jedoch unterschiedliche Visionen, wobei die CDU eine Wiedervereinigung ohne oder mit nur geringer Nettoerweiterung anstrebt. Wie dem auch sei, der Park hält an seinem Kurs fest. "Für die Zukunft wird es darum gehen, zum einen mit der Region eng verbunden zu bleiben und doch den Blick auch auf das große Ganze zu richten. (...) Das geht nur mit der Natur, aber auch nur mit den Menschen".

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Das Auerhuhn gehört im Schwarzwald zu den besonders bedrohten Tierarten. © Arne Kolb/Nationalpark Schwartzwald

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