Luxemburg – Grande Région

Roger Lampach und Pascal Bouvry, CEOs von LuxProvide

„ Mit dem Superrechner MeluXina können Luxemburg und die gesamte EU in neue digitale Dimensionen vorstoßen „

Rund 30 km nördlich von Luxemburg-Stadt im beschaulichen Bissen-Roost arbeiten derzeit rund 20 Computerfachleute an der digitalen Zukunft des Großherzogtums und Europas. Dort steht im Datacenter der LuxConnect ein Hochleistungsrechner der Superlative: MeluXina bietet den Wissenschaftlern und Computerexperten eine Rechenleistung von zehn Petaflops oder anders ausgedrückt 10 Billiarden Operationen pro Sekunde, eine Zahl mit 16 Nullen.

MeLuXina

Was die Luxemburger damit vorhaben, wie der Superrechner in die digitale Strategie Europas passt und welche Chancen sich für die Wirtschaft in der Großregion ergeben, darüber sprach Nachbarn/Voisins mit Roger Lampach und Pascal Bouvry. Die beiden sind die CEOs von LuxProvide, dem Betreiber des Superrechners. Der Luxemburger Roger Lampach war zuvor Geschäftsführer von LuxConnect, der Belgier Pascal Bouvry ist als Professor für Informatik an der Universität Luxemburg tätig.

Meluxina

© Luxprovide

MeluXina, der Name ist Programm und spielt wohl auf die Sage um die Entstehung Luxemburgs an. Ist der Superrechner die Wiege des neuen digitalen Luxemburgs?
Roger Lampach : Der Name des Hochleistungsrechners ist tatsächlich eine Anspielung auf die Legende von Graf Siegfried und Melusina, die auf die Ursprünge Luxemburgs verweist. Das X entspricht visuell der Signatur des Großherzogtums „Luxembourg – let’s make it happen“. Hier entsteht wirklich etwas großartig Neues, mit dem Luxemburg und die gesamte EU in neue digitale Dimensionen vorstoßen können. MeluXina könnte sich zu einem Wachstumstreiber für die digitale Zukunft vieler Unternehmen entwickeln. Daran arbeiten wir.
Pascal Bouvry : Sie müssen sich MeluXina als eine riesige Maschine vorstellen, die aus ganz vielen Prozessoren besteht und somit diese enorme Rechenleistung von zehn Petaflops überhaupt ermöglicht. Es ist ein wenig wie in der Formel 1 mit wahnsinnig viel PS unter der Haube. Unser Ziel muss es sein, diese PS sprichwörtlich auf die Straße zu bekommen, damit die Unternehmen in Luxemburg und in der Großregion einen wirtschaftlichen Nutzen von diesem Superrechner haben. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg in die digitale Zukunft.

Inwiefern ist MeluXina ein Luxemburger oder ein europäisches Projekt?
Roger Lampach : LuxProvide als Betreiber dieses Hochleistungsrechners ist eigentlich ein klassisches Startup-Unternehmen. Wir haben 2019 als 100-prozentige Tochter von LuxConnect, die als Betreiber von Rechenzentren dem Luxemburger Staat gehört, begonnen. Zunächst in Bettemburg im Süden Luxemburgs und seit Juni dieses Jahres auf dem Innovationscampus hier in Bissen-Roost. LuxConnect betreibt auf diesem Gelände ein hochsicheres Rechenzentrum, in dem unser Supercomputer untergebracht ist.
Der Staat Luxemburg hat sich auf Initiative der EU um das Projekt des Hochleistungsrechners mit dem Standort Bissen beworben und den Zuschlag erhalten. Die Investition von über 30 Millionen Euro stemmt der Staat zu zwei Drittel und ein Drittel wird von EuroHPC JU finanziert. Natürlich arbeiten wir mit MeluXina im Europäischen Netzwerk EuroHPC. Ziel der EU ist es, dass in den jeweiligen Ländern so genannte nationale Kompetenzzentren entstehen, die vernetzt arbeiten und die digitale Strategie Europas entscheidend voranbringen. Und das ist auch bitternötig, um den technologischen digitalen Abstand zu den USA, China, und Japan zu verkürzen.

Wo sind in Deutschland und Frankreich die nächsten Hochleistungsrechner zu finden?
Roger Lampach : In Deutschland zum Beispiel in Jülich und in Frankreich in der Nähe von Paris. Wir arbeiten an einer Infrastruktur von Hochleistungsrechnern in Europa. Das nationale Kompetenzzentrum soll Ende 2022 startklar sein und Anlaufstelle für die hiesige Wirtschaft sein, wenn es um das Thema Hochleistungsrechner geht.

Wie funktioniert so ein Superrechner in einfachen Worten ausgedrückt und was unterscheidet ihn von den üblichen Rechnern in Datacentern?
Pascal Bouvry : Was macht MeluXina so leistungsfähig? Ganz einfach gesagt sparen wir die Wege zwischen den verschiedenen Rechnern wie sie zum Beispiel in einer Cloud arbeiten. Der Weg zwischen zwei Prozessoren braucht beispielsweise Zeit, die wir bei MeluXina einsparen. Die vielen Prozessoren sind bei Hochleistungsrechnern zu einer einzigen Maschine zusammengebaut, was sie dann eben so schnell und stark macht. Wir sind darauf spezialisiert, riesige Datenmengen zu verarbeiten und komplexe Berechnungen in Höchstgeschwindigkeit zu machen in den Bereichen Modellierung und Simulation. Der Supercomputer ist keine Cloud-Lösung und der Superrechner ist auch nicht für die Speicherung riesiger Datenmengen - Big Data - konzipiert außer in der Projektlaufzeit.

Und wie steht es um die Sicherheit der Daten?
Natürlich gibt es bei uns dafür jede Menge Sicherheitsszenarien. LuxProvide ist für die Informatik-Sicherheit und LuxConnect für die physikalische Sicherheit zuständig. Das beginnt mit dem hochsicheren Datacenter von LuxConnect mit der höchsten Sicherheitsstufe klassifiziert nach Tier IV, extrem starken Zugangskontrollen, reicht über redundante Glasfaseranbindungen bis hin zu gesicherten Daten in anderen Rechenzentren der LuxConnect.

Wer braucht überhaupt diese Hochleistungsrechner in der Praxis?
Roger Lampach : Das ist genau der Punkt, der über die digitale Zukunft entscheidet. In der Wissenschaft, zum Beispiel bei der Klimaforschung, arbeiten Forscher wie Physiker, Biologen oder Meteorologen mit Simulationsmodellen, die eine enorme Datenmenge verarbeiten, um möglichst viele Eventualitäten zu berechnen und genaue Prognosen zu tätigen. Dabei helfen Hochleistungsrechner. Diese Idee gilt es nun auf andere Wirtschaftsbereiche zu übertragen zum Beispiel in der Weltraumindustrie oder in der Automobilbranche oder im Gesundheitsbereich. Unternehmen können in der Regel derartige Rechnerleistungen und entsprechende Manpower gar nicht vorhalten. Superrechner können Produktentwicklungen vorantreiben und für Industrieunternehmen wesentlich kostengünstiger gestalten. Komplexe Teile können beispielsweise noch genauer konstruiert werden, Markteinführungszeiten für neue Produkte verkürzen sich und Materialkosten werden gesenkt. Darin sehe ich eine große Chance für die Unternehmen im Wettbewerb, zumal Luxemburg seit einigen Jahren intensiv die Weltraumindustrie forciert.
Pascal Bouvry : Der Bedarf in der Industrie ist vorhanden. Das sehen wir mittlerweile an den Anfragen und am Interesse. Wir müssen in den kommenden Monaten diesen Bedarf kanalisieren und in eine echte Nachfrage nach unseren Leistungen ummünzen. Wir wollen künftig Lösungen an die Industrie verkaufen.

Wie arbeitet LuxProvide mit dem Saarland zusammen?
Roger Lampach : Es entwickelt sich eine hochinteressante Zusammenarbeit mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz DFKI in Saarbrücken. Die Verarbeitung dieser enormen Datenmengen und daraus resultierende Simulationsmodelle kommen ohne Algorithmen der Künstlichen Intelligenz gar nicht mehr aus. Aus der Wirtschaft selbst hat es bisher noch keine Nachfrage gegeben, aber das wird sich sicherlich bald ändern.

Was erwartet der Luxemburger Staat von MeluXina?
Roger Lampach : Am Standort in Bissen-Roost, dem ehemaligen Goodyear-Gelände, sind wir ideal untergebracht, direkt neben dem Datacenter und einem Gebiet mit Entwicklungspotential. Einige hier angesiedelte Firmen, zum Beispiel aus der Automobilbranche, sind potentielle Kunden für uns. Außerdem ist am hiesigen Standort ausreichend Platz für die Entwicklung weiterer Startup-Unternehmen im Bereich der Spitzentechnologie.

Und wie steht es um die Entwicklung der Arbeitsplätze?
Pascal Bouvry : Derzeit sind wir 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 13 verschiedenen Nationen, allerdings derzeit niemand aus Deutschland. Unsere Arbeitssprache ist Englisch. Wir wollen in zwei Jahren auf 50 wachsen. Ein bisschen Berufserfahrung ist in der Regel allerdings von Nöten. Mit MeluXina zeigen wir einmal mehr, welch gewaltiges Entwicklungspotential für zukünftige Jobs in Luxemburg und auch in der Großregion vorhanden ist. Das müssen wir viel stärker herausstellen.

Die Leistungsstärke dieser Großrechner ist für die meisten Menschen unvorstellbar. Müssen wir künftig vor diesen gigantischen Maschinen Angst haben?
Roger Lampach : Das ist eine sehr philosophische Frage. Maschinen lernen und sie lernen bei diesen Datenmengen schneller als Menschen. Trotzdem werden sie von uns programmiert und gesteuert. Ich denke, bei all unseren erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen braucht man keine Angst haben. Allerdings wird sich die Arbeitswelt kolossal verändern, neue Berufe entstehen, alte verschwinden. Das mag vielleicht den einen oder anderen mehr verängstigen, aber wenn wir den Fortschritt nicht mitmachen und mitbestimmen, machen es andere.

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